Ich kann mit aktuellen Erwachsenenhörspielen nichts mehr anfangen!

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SteSe
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Ich kann mit aktuellen Erwachsenenhörspielen nichts mehr anfangen!

Beitrag von SteSe »

Hallo Leute,

schon seit etwa 6 Jahren hat sich bei mir was verändert. Und zwar konnte ich ab da und aktuell noch immer schlagartig NICHTS MEHR mit aktuellen, sogenannten "Hörspielen für Erwachsene", etwas anfangen.

Ich nenne bewusst keine Label, da es durch die Bank 90% aller Label betrifft.

Wiederum habe ich es analysiert, WARUM das so ist und WORAN es liegt? Natürlich kann ich kein professionelles Ergebnis darlegen, sondern nur meine gefühlte Feststellung nennen. Und es ist nicht nur ein Problem, was ich (mit mir) habe:

1. VERÄNDERTES HÖRVERHALTEN

Ich kann mit den Themen für Erwachsene immer weniger etwas anfangen. Insbesondere mit Grusel. Alles was dezent "eklig" wird finde ich mittlerweile öde und tut auch meiner Seele nicht gut. Ich möchte bei Hörspielen gefesselt werden, aber auf eine andere Art und Weise. Ich möchte bei Hörspielen auch abschalten oder lachen können.
Mit Krimi könnte man mich nachwievor als Hörer gewinnen, aber alles was aktuell existiert, ist nicht das was ich mir als "interessant" vorstelle. Immer wieder werden neue Krimireihen vorgestellt wo ich dann ausrufe "YIPPIEH!"....aber dann im Kleingedruckten feststellen muss, dass es Hörbücher und keine Hörspiele sind. Dann ist urplötzlich wieder das Desinteresse vorhanden, da ich bei Hörbüchern ebenfalls nicht abschalten kann und mich auf das Gesprochene über mehrere Stunden konzentrieren muss.

2. ES ERSCHEINT NICHT DAS, WAS MICH INTERESSIERT

Im Prinzip habe ich unter Punkt 1 bei Krimi schon die Antwort gegeben. Da wird von dem ein oder anderen Label eine Reihe auf Basis von meist Buchvorlagen angekündigt, aber es stellt sich dann heraus, dass es keine Hörspiele sind, sondern "nur" Hörbücher. Aber welche Vorstellungen habe ich dann persönlich? Keine Ahnung. Vielleicht "Cosy-Crime" Themen? Z.B. gibt es die Bücher namens "BUNBURRY", oder "Bayernkrimi". Allein die Klappentexte sind meist so spannend geschrieben, dass ich es bedauerlich finde, dass es diese Geschichten nicht als Hörspiele gibt.

3. MICH INTERESSIEREN DIE MEISTEN HÖRSPIELAUTOREN NICHT

Auch ein Faktor, warum ich mit Erwachsenenhörspielen nichts mehr anfangen kann, sind die Autoren der Manuskripte. Natürlich gibt es Naturtalente an Autoren, aber die meisten haben doch keine Autorenschule besucht und die Dramaturgie ist in deren Geschichten für mich nicht vorhanden. Auch schreiben viele Autoren hobbymäßig und nebenberuflich. Und meist mehr Quantität statt Qualität. Bzw. sind es reine Dialogbuchautoren und haben womöglich noch nie ein 250-seitiges Buch mit Worten bestückt. Wie Heftromanautoren schreiben Dialogbuchautoren rein technisch die Geschichten nieder. Da werden Exposés ein wenig ausgearbeitet und dann die Dialoge und Kapitel drumherum gestrickt. Hauptsache es passt in das Schema und in die preislichen Vergütungen, die der Autor vom Label nimmt. Da wird per Handschlag der Deal für 8 Manuskripte ausgemacht und ab geht es, damit pro Woche ein Manuskript niedergetippt wird.

4. DIE REGIE

Was ich oft kritisiere und mittlerweile heraushöre ist das "schwächeln" der Regie. Keine Frage, auch was Regie angeht gibt es sicherlich Naturtalente. Aber die meisten Macher haben bestimmt keine berufliche und künstlerische Ausbildung, wie man Regie macht. Oder haben eine schwache Kommunikationsfähigkeit, die Künstler zu einer Höchstleistung anzuspornen. Wenn ich als Regisseur keine Erfahrung habe, welche künstlerischen Beschreibungen (vielleicht aus dem Theaterbereich) man für dieses und jenes Spiel mit der Stimme verwendet und welche es überhaupt gibt, dann kann ich meinem Schauspieler am Mikro auch keine vernünftigen Anweisungen geben.
Ich unterstelle auch einmal, dass ein ungeschulter Regisseur es dem Künstler überlässt, wie er einen Satz spielen soll. Wenn der unerfahrene Regisseur es als sehr gut empfindet, dann wird der erfahrene Künstler vor dem Mikro womöglich denken "naja, wenn er zufrieden ist...ich fände eine andere Stimmung zwar besser, aber was solls....es sind noch fünf Rollen einzusprechen...und wir haben ja nur noch 20 Minuten...".

Und letzteres ist ein anderes Problem, was aber die Regie stark beeinflussen kann: Der Zeitdruck. Man hat womöglich 1,5 Studiostunden für einen Schauspieler Zeit. 15 Minuten sind schon durch Smalltalk verstrichen, bis der Künstler endlich startklar ist. 15 Minuten sind durch Korrekturen insgesamt verstrichen, da Versprecher usw. vorkommen. Also hat man 1 Stunde Zeit für so viele Dialogbücher wie nur möglich. Viele Sprecher müssen womöglich in dieser einen Stunde 5, 6, 7 verschiedene Rollen spielen. Ein Profi wird umschalten können. Keine Frage. Aber unerfahrene (Nachwuchs-)Schauspieler haben damit vielleicht noch ihre Schwächen. Und dann kommen wir zu Punkt 5.

5. DIE SCHAUSPIELER SIND NICHT GUT GENUG

Etwas provokant betitelter Punkt, aber worauf ich heraus will: Immer häufiger kommen Nachwuchssprecher/-innen zum Einsatz, die zwar jung und frisch sind, aber meist nicht mit den Profis mithalten können. Warum? Weil A) die Erfahrung fehlt, oder B) das Hörspiel als Medium für sie ungeeignet ist, oder C) keine Theatererfahrung vorhanden ist, oder D) überhaupt keine Schauspielerfahrung / Stimmentraining vorhanden ist, oder E) die schwächelnde Regie / kaum vorhandene Regie den Künstler nicht motiviert und unterrichtet, was im Hörspiel während des Dialogs für Geräusche und Athmos vorhanden sind. Und ja, ich bin immer noch der Meinung, dass ein Sprecher / eine Sprecherin in einem Hörspiel ohne Schauspielausbildung nichts zu suchen hat. Amateurbereich gerne, aber nicht in kommerziellen Produktionen, für die gutes Geld verlangt wird. Eine markante Stimme reicht für mich nicht aus, dass jemand in einem Profihörspiel eine Daseinsberechtigung hat, bzw. das Hörspiel in einer Nebenrolle oder gar Hauptrolle tragen kann.

FAZIT:
Es gibt sicherlich noch etliche Punkte mehr, die ich erwähnen könnte. Aber die fünf Punkte sind für mich die Wichtigsten, warum ich mit Hörspielen für Erwachsene nichts mehr anfangen kann. Natürlich bestätigen Ausnahmen die Regel und hin und wieder gefällt mir dann doch eines solcher Hörspiele. Aber das meiste was es auf dem Markt gibt ist für mich von keiner Relevanz mehr.
Schade, wenn die Label dann falsch unterstellen, dass man keine neuen Serien mehr auf dem Markt etablieren kann. Und man die Hörer nicht mehr erreicht, da die Hörer aussterben. Sterben die Hörer tatsächlich aus? Ich sage: Es wird noch 20 bis 30 Jahre lang genügend Hörer geben. Nein, an den Hörern liegt es sicherlich nicht, das beweisen Streamingzahlen und Klicks diverser Produktionen.

Meiner Meinung nach liegt es zusammengefasst an den immer gleichen Autoren, an den immer gleichen Nachwuchssprechern, an den immer gleichen Inhalten, an dem "Schnellschußverfahren" wie Hörspiele hergestellt werden, an dem Kosten- und Zeitdruck, an den seichten Vorlagen, die schon mal in besserer Form da waren.

Wie gesagt, alles meine Meinung! Vielleicht klingt mein Beitrag hier ziemlich pauschalisierend, aber Gegenfrage: Ist nicht womöglich einiges der Wahrheit entsprechend?

Letztlich befasse ich mich trotz gesetzteren Alters immer mehr mit Kinder- und Jugendhörspielen, da dort interessanterweise die Sprecher bekannter sind, die Regie deutlich besser funktioniert und aus den Künstlern alles heraus holt, technisch bessere Bearbeiter zum Einsatz kommen und man das "x-en" nicht wahrnimmt; und die Geschichten / Dialoge einfach gefälliger und professioneller geschrieben sind. Vermutlich ist auch das Budget pro Hörspiel höher und Team wie Crew sind motivierter unterwegs.

Und WENN ich mal wieder ein Erwachsenenhörspiel hören möchte, widme ich mich den Klassikern aus den 80ern in meiner Sammlung. Da war einfach noch die Wertigkeit vorhanden, die ich heutzutage (trotz bemühtem Aufwand) nicht mehr als vorhanden empfinde.

:thx:
Markus G
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Registriert: Mi 4. Jul 2018, 22:43

Re: Ich kann mit aktuellen Erwachsenenhörspielen nichts mehr anfangen!

Beitrag von Markus G »

Eine interessante Sichtweise, die zusammen gefasst eher eine gewisse Hörspielmüdigkeit erkennen lässt. Die Kritikpunkte mögen sicherlich in dem einen oder anderen Fall zutreffen. Vieles ist subjektiv bzw. eine Frage des Geschmacks, aber auch auf welcher Plattform man hört. Ich höre vom Hörspiel der Freien Szene, Podcasts, Features, über das Radiohörspiel, dem kommerziellen Hörspiel, AUDIBLE Originals bis hin zum Hörbuch alles. Und ich wage zu behaupten dass man auf diese Art und Weise selbst bei extrem hohen Anforderungen sehr viel sehr Gutes zu hören bekommt.

Bei mir selbst beobachte ich eher das gegenteilige Phänomen. Ich tue mir mit zunehmendem Alter immer schwerer mit Kinder- und Jugendhörspielen. Und ich höre mit meiner Tochter auch hier sehr vieles. Aber ich bin da nicht mehr die Zielgruppe, zudem finde ich es schade dass hier meistens Erwachsene Kinderrollen sprechen.

Aber wie eingangs geschrieben, alles eine Geschmackssache!
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